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02.08.2020: Arbeitszeit, bunt und berührend

Mein Beruf als Priester (und Pfarrer) ist sehr vielfältig. Gerade in den vergangenen Wochen war wenig von Sommerferien(pause) zu spüren und ich in unterschiedlichste Arbeitsfelder eingebunden. Ich schätze diesen abwechslungsreichen (manchmal aber auch anstrengenden) Aspekt meiner Tätigkeit. Allein aus den letzten Tagen könnte ich mehrere Dinge aufführen, die entweder „besonders“ waren oder mir einfach viel Freude bereitet haben.

Und z.B. im Sonnenschein die Fußpilgerstrecke zum Annaberg mit dem Fahrrad vorab mal abzufahren, an der schönen Kanallandschaft Richtung Haltern (und zurück) entlang, das ist als „Arbeitszeit“ fast schon purer Luxus …

Heinrich Plaßmann, Pfarrer

25.07.2020: Mühselige Suche nach Rosinen

Die jüngste Verlautbarung aus dem Vatikan stammt von der Kleruskongregation und trägt den kirchischen Titel „Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche“.

Um Umkehr, Missionierung und Pfarrgemeinde geht es auch, doch legt die „Instruktion“ einen Schwerpunkt auf die Rolle des Pfarrers, die in deutlicher Abgrenzung zu den Laien gesehen wird: In Laienhänden darf nichts auch nur annähernd in Richtung Leitung einer Gemeinde gehen, da diese allein dem Pfarrer obliegt.

Entschuldigung, wenn ich manches sehr polemisch wiedergebe, aber das Schreiben ärgert mich,

… weil es für die Weltkirche etwas regeln will, aber nicht im Blick hat, wie unterschiedlich weltweit Pfarrer ihre Rollen ausüben müssen. Aber in Rom meinte man, auf die Rücksprache mit den Ortskirchen und Ortsbischöfen gut verzichten zu können.

… weil es ein Schlag ins Gesicht vieler engagierter Frauen und Männer in unserer Kirche ist, die bereit und fähig sind, Verantwortung zu übernehmen. Ich verzichte an diseer Stelle bewusst auf das Wort Mitverantwortung.

… weil es keine Klerikalisierung will, ihr zugleich aber den Weg bereitet und so Wasser auf die Mühlen derer sein könnte, die es aufgrund ihres priesterlichen Standes nicht für nötig halten, auf andere zu hören und sich raten zu lassen. Auch die gibt es nämlich! Und damit wären wir wieder bei der ungelösten Frage nach dem Machtmissbrauch …

… weil es z.B. bei der Frage des anstehenden Ruhestandes die Pfarrer doch arg in Watte packt. Es wäre schön gewesen, wenn man in gleicher fürsorglicher Weise auch die vielen anderen engagierten Frauen und Männer im Blick gehabt hätte. Aber es handelt sich ja schließlich um ein Schreiben der Kleruskongregation, es ist also quasi Lobbyarbeit.

Nur wer übernimmt jetzt die Lobby-Arbeit für alle anderen?

Interessant war, dass dieses Dokument im Umfeld des Festes der Hl. Maria Magdalena, der „Apostelin der Apostel“ (22. Juli), veröffentlicht wurde. Ich frage mich: Welche Chance hätte die Apostelin Maria Magdalena wohl heute, angesichts solcher Instruktionen, in der Kirche Gehör zu finden?

Manchmal ist es mühsam, aus solchen Texten die Rosinen und sinnhaften Abschnitte herauszupicken, die es zweifellos auch gibt.

Immerhin ärgere ich mich noch, denn mir liegt etwas an „meiner“ Kirche, unter deren Dach ich seit meiner Kindheit viel Gutes und Bleibendes erlebt habe und in der ich nach wie vor mit Leidenschaft tätig bin … aber sie macht es mir nicht immer leicht.

Ich es ihr womöglich aber auch nicht …

Heinrich Plaßmann, Pfarrer

19.07.2020: Gedanken zum Auftakt eines Gottesdienstes

Hinter uns liegt ein Aufbruch:
Wir verlassen Wohnungen und Häuser,
  wir lassen zurück, was wir begonnen haben
  und vielleicht auch beenden konnten,
  um uns als Gemeinde zu versammeln
  und miteinander Gottesdienst zu feiern.
Manche sind in aller Ruhe aufgebrochen,
  andere unter dem Diktat der zu knappen Zeit: Es eilt!

Sind wir schon angekommen?
Oder sind wir noch atemlos,
  braucht unsere Seele noch Zeit?

Aber das Ankommen bedeutet kein Ende des Aufbruchs.

In dieser Feier, sagt Gott,
  mache ich den ersten Schritt auf dich zu.
Mein Handeln kommt deinem Bitten und Danken zuvor.
Ich wende mich dir
  mit meinem ganzen Wohl-Wollen zu.
Ich, dein Gott, mache den ersten Schritt.

Bleibe du nur auf-gebrochen, sagt Gott,
  öffne dich wie fruchtbarer Boden,
  damit ich mein Wohl-Wollen in dich legen
  und mein Wort in dich aussäen kann.

Gott macht den ersten Schritt:
  Er ist zuvor-kommend.
Und wir, als seine Gemeinde versammelt,
  bleiben im Aufbruch,
  wie die aufgebrochene Erde auf dem Acker,
  in die der gute Same ausgesät wird.
Gott wird sein Wachstum in liebevoller Geduld begleiten.

Heinrich Plaßmann, Pfarrer

12.07.2020: Musik näher zum Himmel

Anfang der Woche machte die Nachricht die Runde, dass der italienische Komponist Ennio Morricone im Alter von 91 Jahren verstorben ist. Viele Menschen verbinden mit ihm die Musik aus dem Film „Spiel mir das Lied vom Tod“, doch ging sein Schaffen weit, weit darüber hinaus. Seine Musik konnte experimentell sein, ein lustvolles Spiel mit Tönen und Geräuschen, zugleich aber auch lyrisch und melodisch. Seit nahezu 4 Jahrzehnten höre ich seine Filmmusiken und habe immer wieder erlebt, wie sie mich elektrisiert oder dem Himmel nähergebracht haben, denn ja, auch diese Qualität besaß seine Musik. Vor fast 6 Jahren hatte ich das Glück, ein Konzert mit ihm erleben zu dürfen, dass er mit immerhin Mitte 80 noch selbst dirigiert hat. Ihm war wichtig, das musikalische Handwerk zu beherrschen, zugleich aber auch immer wieder kreativ Grenzen auszuloten. Sogar die Rockband Metallica hat ihre Konzerte regelmäßig mit der Adaption eines seiner Stücke begonnen. Mit ihm ist einer der großen Komponisten des 20. Jahrhunderts verstorben. Ciao, Maestro!

Von den Großen der Filmmusik, die mich so viele Jahre begleitet haben, lebt jetzt nur noch einer, John Williams („Krieg der Sterne“, „Der weiße Hai“), auch schon 88 Jahre alt. Was ihn mit Morricone verbindet: Eine ungebrochene Kreativität bis ins hohe Alter hinein.

Ja, ihre Musik bringt mich dem Himmel näher, weil sie mich zutiefst bewegt und daran erinnert, welche schöpferische Kraft Gott seinen Menschenkindern mit auf den Weg gegeben hat.

Heinrich Plaßmann, Pfarrer

05.07.2020: Umgangsformen

Der Corona-Ausbruch in der „Fleischfabrik“ (ein schreckliches Wort) Tönnies hat schonungslos offengelegt, wie unser Wirtschaftssystem häufig funktioniert. Der Blick könnte sich ebenso auf die Arbeitsbedingungen der Paketboten richten … Und wer zahlt eigentlich den Preis, wenn der Kaffee billig ist? Wie viel Kinderarbeit steckt in Ihrem Smartphone? Die Reihe ließe sich fortsetzen.

Missstände offenzulegen, ist wichtig. Wer das tut, wer sich das traut, kämpft häufig gegen große Widerstände und Seilschaften an.

Was mir aber aufstößt, ist der Umgangston, den ich häufig im Internet – in Foren und Kommentarbereichen – vorfinde: Da werden, auch im Falle Tönnies, Verantwortliche oft bis unter die Gürtellinie beleidigt. In einem solchen Sprachgebrauch sehe ich keine angemessene Reaktion auf Fehlentwicklungen. Vielmehr wird man denen ähnlicher, deren Machenschaften man doch anprangert.

Mir ist in den vergangenen Tagen häufig der Spruch nachgegangen: „Hasse die Sünde, aber liebe den Sünder“ …

Heinrich Plaßmann, Pfarrer

P.S.: Das Bobby Car wandert gerade Richtung Krankenhaus. Ob es einen Tag geben wird, an dem es plötzlich verschwunden ist?

28.06.2020: Klein und Groß

Die Entlassfeiern der Kindergarten- und Schulkinder, die nach den Sommerferien den „nächsten Schritt“ wagen, haben mich berührt, denn es waren Abschiede auf Abstand. So sind nun einmal die Bedingungen der Corona-Zeit.

Aber sie waren liebevoll vorbereitet und gestaltet, mit dem Versuch, trotz des Abstandhaltens Nähe zu schaffen und den Kindern einen angemessenen und erinnerungswürdigen Abschied zu bereiten. Nur den Kindern? Nein, auch für Erzieher/-innen und Lehrer/-innen war es wichtig, von „ihren“ Kindern Abschied nehmen zu können.

Und so gab es spürbar Emotionen – und waren es Feiern, die den Kindern hoffentlich in guter Erinnerung bleiben.

Gottes guter Segen sei mit euch …

Heinrich Plaßmann, Pfarrer

P.S.: Das Bobby Car ist noch immer auf dem Kirchplatz unterwegs. Ist es zwischenzeitlich etwa gewachsen?

21.06.2020: Klein neben Groß

Ein Bobby Car, geparkt an der Amanduskirche:

Wo mag die Fahrerin / der Fahrer abgeblieben sein? Und was für ein Größenunterschied zwischen dem Gefährt und dem Gebäude!

Es it ein Abenteuer, wenn die Kleinen beginnen, auf immer schnelleren Beinen (und Fahrzeugen) die Welt zu erkunden! Man wundert sich, wie flott sie sein können - und für die Eltern heißt es, die Augen offen zu halten.

Es ist ein Abenteuer, wenn die Kleinen eine Kirche betreten! Staunend nehmen sie die Ausmaße des Raumes wahr, die brennenden Kerzen, die Akustik, auch die Stille … und sie lassen uns an ihrem Staunen teilhaben, lehren uns das Staunen.

Ganz klein und ziemlich groß: Gegensätze ziehen sich nicht nur an, sie beleben einander.

Heinrich Plaßmann, Pfarrer

14.06.2020: Im grünen Bereich

Christi Himmelfahrt, Pfingsten, Dreifaltigkeitssonntag, Fronleichnam … Nun ist die Zeit der großen kirchlichen Feste erst einmal vorbei: Wir sind im Alltag angekommen, im „grünen Bereich des Kirchenjahres“.

Grün ist die Farbe der Unerfahrenheit, davon zeugen Worte wie „Grünschnabel“ oder „grün hinter den Ohren“. Wir finden uns in einem Alltag wieder, der sich durch Corona verändert hat. Bei aller Routine, die sich dabei einstellt, bleiben wir „Grünschnäbel“ im Umgang mit der Pandemie, lernen ständig dazu (und lernen manchmal auch etwas über uns selbst und über unsere Gesellschaft).

Grün gilt als die Farbe der Hoffnung. Als Christen kommen wir von Ostern her: Die Auferstehung Jesu Christi schenkt unserem Leben eine begründete Hoffnung, die unsere ständige Begleiterin ist. Das kann Halt geben auch im Corona-Alltag, der durch eine weitere Hoffnung geprägt ist, die Hoffnung auf einen Impfstoff und das Ende dieses Ausnahmezustandes. Wie widerständig und belebend ist das Grün der Hoffnung?

Die Zeit der großen kirchlichen Feste ist erst einmal vorbei: Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern Gottes Segen für die Bewältigung des Alltags.

Heinrich Plaßmann, Pfarrer

07.06.2020: Auf einen Kaffee mit der Dreifaltigkeit

Ich sitze gerne bei einem befreundeten Paar in der Küche und trinke mit ihnen einen Kaffee. Beide sind schon lange verheiratet und liegen auf einer Wellenlänge, bleiben aber als Einzelpersonen wahrnehmbar. Und als Gastgeber sind sie wunderbar.

Wenn ich unangemeldet vorbeikomme, treffe ich vielleicht nur einen von ihnen. Schön ist es, wenn ich beide gemeinsam antreffe. Es gibt immer viel zu erzählen und viel zuzuhören, in gastlicher Wohlfühlatmosphäre, bei der Tasse Kaffee am Küchentisch. Am Ende habe ich den Besuch stets genossen und freue mich auf das nächste Mal.

Diese Besuche erinnern mich an die Dreifaltigkeit: Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiliger Geist liegen auf einer Wellenlänge, unterscheiden sich aber genug, um jeder für sich wahrgenommen zu werden. Gemeinsam schaffen sie eine Atmosphäre der Gastfreundschaft und der Lebendigkeit, der wir uns getrost anvertrauen können, um uns beleben zu lassen.

Heinrich Plaßmann, Pfarrer

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